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Der Hund hat Angst – Ignorieren? Tätscheln? Was tun?

Stimmt folgende Aussage: Wenn der Hund vor irgendetwas Angst zeigt, müssen wir das ignorieren. Wir dürfen ihn keinesfalls streicheln oder ihm Zuspruch zukommen lassen – soweit die landläufige Meinung. Tatsächlich? Das schauen wir uns etwas genauer an.

Der Hund hat Angst – die Theorie des Nicht-beachtens

Viele Hundefreunde vertreten die Ansicht, dass ein Hund keinesfalls getröstet oder beachtet werden darf, wenn er Angstverhalten zeigt. Die Begründung erscheint plausibel: Der Hund “glaubt” bei freundlichen Worten und einem liebevollen Tätscheln, seine Angst sei berechtigt. Stellt man sich die angstauslösende Situation wie Saatgut vor, dann wirkt ein tröstendes Wort oder liebevolles Streicheln wie das Gießwasser. Die Angst verstärkt sich in der Folge und tritt eher öfter auf. Soweit diese These – ist das tatsächlich so?

Die Psychologie hinter dieser Theorie

B.F.Skinner (1904 – 1990) war ein amerikanischer Psychologe und ein großer Freund des Behaviorismus. Damit wird ein wissenschaftliches Konzept bezeichnet, die das Verhalten von Menschen und Tieren zu erklären vermag – rein naturwissenschaftlich und ohne Einfluss von seelischen Belangen. Das äußerliche Verhalten ist im Fokus der Forschung. Ein Reiz führt zu einem Ergebnis – vereinfacht erklärt. B.F. Skinner vertrat die Ansicht, dass das Bewusstsein und der freie Wille eigentlich überhaupt nicht existieren und sämtliche Verhaltensmuster auf erlernten Reaktionen auf Umweltreize basieren.

Projektiert man diese Theorie auf den Fall eines ängstlichen Hundes, wird klar, was gemeint ist: Ein Hund hat laut der Theorie also gar kein Bewusstsein, sondern lernt Folgendes:

  • Der Hund hat Angst.
  • Er wird gestreichelt.
  • Er lernt, dass Angst zu haben belohnt wird.

Soweit der Hintergrund dieser Theorie. Beleuchten wir diese Theorie doch einmal näher:

Es donnert und Ihr Hund bekommt Angst. Er kommt zu Ihnen und Sie streicheln ihn mit beruhigenden Worten. Somit soll Ihr Hund nun gelernt haben, weiter Angst zu haben. Aber – kein Hund der Welt bekommt nun “absichtlich” Angst, nur weil er gerne gestreichelt wird. Angst bei Hunden ist das gleiche Gefühl wie beim Menschen, es ist unangenehm.

Gäbe es das Gefühl der Angst nicht, gäbe es keine Menschen mehr. Angst signalisiert erhöhte Wachsamkeit. Im Körper laufen bestimmte Prozesse ab, die letztendlich dazu führen sollen, dass der Mensch – oder das Tier – etwas unternehmen sollte, um sich aus der Lage zu befreien.

Im Rahmen einer Studie wurden Hunde bei einem Gewitter beobachtet und untersucht. Das Team maß das als Stresshormon bekannte Kortisol. Der Stresspegel sank bei den Hunden nicht, als sie während eines Gewitters gestreichelt wurden. Somit kann im umgekehrten Fall auch keine Bestärkung stattfinden. Das Interessante daran: Der Kortisol-Spiegel sank zwar nicht, dafür veränderten sich andere Hormone und zwar die, die unmittelbar mit dem Wohlbefinden der Hunde zu tun haben.

Die andere Seite der Medaille

Gehen wir mal davon aus, Sie streicheln Ihren Hund, wenn er Angst zeigt. Wir gehen sogar noch einen Schritt weiter und sagen, er bekommt ein Leckerchen. Angenommen, Ihr Hund hat Angst, wenn sich ein Gewitter austobt. Ihr Hund kommt zu Ihnen, er sucht Ihre Nähe. Sie geben ihm eine besonders schmackhafte Leckerei. Dadurch verbindet er eine angstauslösende Situation mit einem angenehmen Gefühl. Und da kein Lebewesen gerne und freiwillig Angst hat, kann es durchaus sein, dass sich das “gute” Gefühl durchsetzt.

Um noch einmal auf die “Ignorier”-Verfechter zurückzukommen: Angeblich bestärkt Loben, Streicheln oder Leckerchen einen Hund in seinem Verhalten. Wäre dem so, ließe der Hund freiwillig das Gefühl der Angst zu. Das ist kaum denkbar, richtig? Ich kenne einen kleinen Mischling namens Max, der bei Gewitter in totale Panik verfiel. Seine Augen waren weit aufgerissen, der ganze Körper stand unter absoluter Spannung. Obwohl er sonst sehr verfressen war, nahm er das dargebotene Leckerchen nicht mehr an. Also mussten schwerere Geschütze aufgefahren werden in Form von Leberwurst. Beim ersten Donnergrollen in weiter Ferne bekam er bereits die erste Fingerspitze voll Leberwurst. Es war für die Besitzerin nicht ganz einfach, aber sie versuchte ihm immer zeitgleich mit einem Donnerschlag etwas Leberwurst anzubieten. Heute ertönt irgendwo in der Ferne ein Donnergrollen und Max rennt wie eine Rakete zu seinem Frauchen, um sich seine Leberwurst abzuholen. Nächtliche Gewitter verschläft er.

Anderes Beispiel: Nele kam im Alter von acht Monaten zu uns. Sie hatte deutlich Angst vor Menschen, saß nur still da und traute sich nicht, sich zu rühren. Nach der Theorie des Ignorierens hätten wir sie also gar nicht beachten dürfen? Wir haben freundlich und leise mit ihr gesprochen. Wir haben uns ruhig bewegt und ihr gezeigt, dass sie in unseren Herzen angekommen ist. Mit Leckerchen und Duzi-Duzi. Mit Ignorieren hätten wir ihr ihre Angst niemals nehmen können, das steht fest. Mit der Nicht-Beachten-Theorie säße sie heute noch still im Eck und würde sich ängstlich umschauen.

Nele hatte als Welpe große Angst.
Nele hatte als Welpe große Angst.

Angst ist nicht gleich Angst

Natürlich muss unterschieden werden, ob ein Hund charakterlich etwas ängstlicher ist oder ob er ein Trauma erlebte. Eine arme Hundeseele, die lange Zeit vom Menschen schlecht behandelt wurde und nun Angst hat, kann natürlich nicht mit etwas Leberwurst “behandelt” werden. Es gibt Hunde, die aus Angst beißen, Pippi machen oder sonst ein unnatürliches Verhalten zeigen. Manche Hunde haben eine Verlassensangst, manche haben aus unerklärlichen Gründen Angst vor Kindern oder Männern. Da haben wir das Wort: “Unerklärlich”. Es ist nur aus menschlicher Sicht unerklärlich. Könnte ein Hund sprechen, würde er genau darlegen können, was ihn ängstigt. Solche Hunde benötigen die fundierte Hilfe eines erfahrenen Hundepsychologen. In Deutschland gibt es den Berufsverband der Hundepsychologen (BVdH), dort sollten Hunde, die ein starkes Angstpotenzial in sich tragen, Hilfe erfahren.

 

Hier folgt sie uns schon ganz tapfer

Angst vor alltäglichen Situationen…

…ist hier das Thema, das möchte ich noch einmal betonen. Der Hund hat Angst bei Gewitter, in der Silvesternacht oder vor Kinderwägen. Unsere Spanierin Amy gehört in die Kategorie der Kinderwagen-Hosenscheißer. Immer wenn sie einen erblickte, begann sie augenblicklich zu schreien – ich kann es einfach nicht anders nennen. Mit Bellen hatten diese Töne nichts zu tun. Vermutlich sah sie sich im Geiste bereits von den Kinderwagenrädern platt gefahren oder sie befürchtete, der Inhalt des Kinderwagens könnte mit kleinen, unbeholfenen Patschehändchen nach ihr grabschen. Also spähten wir unsere Umgebung beim Spaziergang aus wie die Leute der NSA unsere Daten. Konnte einer von uns auch nur eine Speiche ausmachen, wanderte die Hand in die Tasche mit den Leckereien. Amys Augen blieb das nicht verborgen und so gelang es uns im Laufe der Zeit, sie mittels dieser Duzi-Duzi-Leckerchen an einem Kinderwagen ohne Geschrei vorbeizulotsen. Heute schielt sie nur misstrauisch in die Richtung des Gefährts, aber sie lässt sich tatsächlich ablenken.

Fazit

Versuchen Sie es mit Streicheln und beruhigenden Worten, wenn sie einen Hund haben, der in bestimmten Situationen Angst hat. Wie gesagt, es geht “nur” um Ängste in bestimmten Situationen, nicht um traumatisches Verhalten. Dazu müssen Sie auf der Hut sein, bestenfalls hören oder sehen Sie das angstauslösende Ereignis, bevor es Ihr Hund erblickt oder hört. Dann können Sie so auf ihn einwirken, dass es überhaupt nicht zu einem “Angst-Ausbruch” kommt.

Wie sind Ihre Erfahrungen zu diesem kontroversen Thema? Schreiben Sie einfach unten ins Kommentarfeld.

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